HIGHLIGHT

ÖPNV zwischen Gemeinwohl und Kommerz

Auftraggeber: Hans-Böckler-Stiftung (HBS), Düsseldorf
Laufzeit: 01/2020 – 12/2021
Partner: M-Five (Leitung); IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gemeinnützige GmbH, Berlin

Thema und Zielsetzung

Das Projekt untersucht den Strukturwandel von Wertschöpfung und Geschäftsstrategien im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV), wenn dieser durch neue Mobilitätsdienste erweitert wird. Im Fokus stehen zukünftige Handlungs- und Gestaltungsoptionen für die Unternehmensführung (Corporate Governance). Dies umfasst Treiber, Wirkungszusammenhänge und Veränderungspotentiale im ÖPNV sowie Folgen für Arbeit und Beschäftigung. Das Projekt ist Teil des Forschungsverbundes „Die Ökonomie der Zukunft“ der HBS.

Kontext

Durch Automatisierung, Digitalisierung, Elektrifizierung und Dekarbonisierung steht der ÖPNV gegenwärtig an der Schwelle eines massiven Wandels. Die Wertschöpfung wird vor allem durch die Vernetzung von Dienstleistungen und Automatisierung des Fahrens sowie durch die Neuorganisation der Verkehrsmittelnutzung verändert. Der Privatsektor wurde zu einem wichtigen Treiber der Wertschöpfungsänderung: Verkehrsdienstleister und Internetkonzerne sowie zahlreiche Start-up-Unternehmen arbeiten an neuen Mobilitätsdiensten und Geschäftsmodellen. Seit März 2020 sorgt zudem die COVID-19-Pandemie für einen massiven Nachfrageeinbruch, der alte wie neue Anbieter vor enorme finanzielle Herausforderungen stellt. Das Projekt befasst sich mit Service-Innovationen und neuen Technologien im Kontext der sektoralen Transformation der Mobilitätswirtschaft. Es untersucht charakteristische Geschäftsmodelle des ÖPNV, der Sharing- und Plattformbetreiber sowie weiterer Marktakteure. Die Folgen der Veränderungen betreffen neben der eigentlichen Wertschöpfung auch die Standards guterArbeit und Mitbestimmung sowie ökologische Rahmenbedingungen.

Fragestellungen

Die zentrale Frage lautet, welche Akteure und Treiber die Transformation hin zu daten- und dienstleistungsbasierten Geschäftsmodellen im ÖPNV bewirken: Welche quantitativenund qualitativen Effekte ruft dies in der Wertschöpfung des ÖPNV hervor? Im Einzelnen wird gefragt, wie neue Mobilitätsdienste hinsichtlich Wertschöpfungsverteilung und Standardsetzung den Wettbewerb der Anbieter verändern. Daran schließt sich die Frage nach der Bedeutung der Transformation für regionale, nationale und internationale Wertschöpfungsketten an. Weitere Unterfragen betreffen die spezifischen Folgen für Anbieter, Nachfrager und Beschäftigte: Inwieweit sind z. B. die Geschlechter durch den Strukturwandel unterschiedlich betroffen? Wassollten politische Handlungsempfehlungenund Governance-Arrangements enthalten, um unerwünschte Entwicklungen und unbeabsichtigte Folgen frühzeitig zu erkennen sowie Konflikte zu entschärfen?

Untersuchungsmethoden

Zur Identifikation von Transformationspfaden dient das Technological-Transition-Modell, auch bekannt als Mehr-Ebenen- bzw. Multi-Level-Perspektive, nach Frank W. Geels. Damit wird die aktuelle Lage der Mobilitätsanbieter in ihrer Transformationsdynamik beschriebenund typischen Geschäftsfeldern zugeordnet. Exemplarische Angebotsbeschreibungen
finden als Detailbetrachtungen in ausgewählten Fallbeispielen statt. Dazu sind Interviews zu den Themen Corona-Auswirkungen, Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung, Unternehmensstrategie und Standards geplant. Die Wertschöpfungsstrukturen werden den Elementen des Business-Modells CANVAS nach Alexander Osterwalder und Yves Pigneur zugeordnet. Die daraus entwickelten Szenarien beschreiben die Spannbreite möglicher Diffusionspfade der Geschäftsmodelle im zukünftigen Marktumfeld. Den Abschluss bildet eine Potenzial- und Risikoeinschätzung der Modelle hinsichtlich sozioökonomischer Gewinn- und Lastenverteilung, die in einem Fachworkshop mit Stakeholdern diskutiert werden soll.

Veröffentlichungen

Zwiers J., Büttner L., Behrendt S., Kollosche I., Scherf C., Mader S., Schade W.:
Wandel des öffentlichen Verkehrs in Deutschland.
Study der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf, ISBN: 978-3-86593-367-6, 118 Seiten.
Die HBS Study kann hier runtergeladen werden.

Weitere Informationen

Informationen zum Forschungsverbund auf der Seite der HBS:
https://www.boeckler.de/de/die-okonomie-der-zukunft-18476.htm

Kontakt

christian.scherf[at]m-five.de